150 Jahre Deutsche Lehrerbücherei, Pädagogische Zentralbibliothek, Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

150 Jahre Deutsche Lehrerbücherei, Pädagogische Zentralbibliothek, Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung – eine wirklich beindruckende Zahl, noch dazu, wenn man die politische Geschichte berücksichtigt. Und knapp 20 Jahre hatte ich meinen Anteil daran. Es waren bewegte und ereignisreiche Jahre, gerade in der ersten Phase, die noch stark von der Wende geprägt war. Viele Menschen habe ich kennengelernt und viele dann wieder aus den Augen verloren. Viele Ereignisse und Erfahrungen haben mich in den Jahren beeinflusst und vieles davon ist längst wieder in Vergessenheit geraten.

Die Geschehnisse, die mir beim Nachdenken zuerst in Erinnerung kommen, hatten meistens eine emotionale Wirkung bei mir ausgelöst. Von zwei dieser Erinnerungen will ich erzählen.

Die erste bringe ich mit den Veranstaltungen und Feierlichkeit rund um das 125-jährige Jubiläum der BBF in Verbindung – sicher bin ich mir allerdings nicht. Jedenfalls hatte ich alle Kolleginnen und Kollegen gebeten, in den Tagungsraum zu kommen um ein Gruppenfoto zu machen. Viele hatten sich etwa schicker gekleidet als im beruflichen Alltag üblich – insofern muss es einen festlicheren Anlass gegeben haben. Alle trafen zur verabredeten Zeit ein. Die Stimmung war gut und gelöst. Alle schauten fröhlich in die Kamera, aus den Blicken und der Körpersprache sah ich nicht nur gute Laune, sondern auch so etwa wie Stolz auf die BBF, zumindest eine große Verbundenheit mit ihrer Arbeitsstelle. Dieser kurze Moment, der über der Szene schwebte, hat mich damals tief beeindruckt, mehr als jede Genehmigung eines DFG-Antrags (obwohl auch das ein gutes Gefühl vermitteln konnte).

Ich habe, als ich diese Erinnerung aufschreiben wollte, nach dem Foto gesucht – und leider nicht gefunden. Insofern ist es nur noch meine Erinnerung, in der dieser mich damals sehr berührende Moment weiterlebt – was aber auch ok ist.

Und nun habe ich doch noch das Foto bekommen bzw. gleich mehrere. Stefan Cramme konnte sich, als ich davon erzählte, an den Anlass erinnern und wurde in seiner Datenbank fündig. Zugleich hat er mich über Zeitpunkt korrigiert, an dem das Bild entstand. Es war nicht der 125. Geburtstag, sondern wurde im Anschluss an die erfolgreiche Evaluation 2004 aufgenommen. Nun bleibt noch die Frage: Wer war eigentlich die Fotografin bzw. der Fotograf? Alle mir spontan in den Sinn kommenden Kandidat/innen sind selbst im Bild zu sehen und scheiden damit aus …

In der zweiten Erinnerung, die ich erzählen möchte, spielt das Diesterweg-Relief eine Hauptrolle. Es hing bis zu seinem Abriss an der Fassade des Deutschen Lehrervereinshauses und wurde dann irgendwo im Foyer des neugebauten „Haus des Lehrers“ am Alexanderplatz angebracht.

Dies alles weiß ich auch nur aus Erzählungen, denn als ich 1993 meine Arbeit in der BBF aufnahm, gab es das Relief nicht mehr. Aus Erzählungen erfuhr ich, dass Egbert Jancke, seines Zeichens Leiter des Westberliner Pädagogischen Zentrums (PZ), die Demontage des Reliefs veranlasst habe, um es angesichts der noch ungeklärten Perspektive der Pädagogischen Zentralbibliothek zu sichern. Dieser Vorgang erfolgte offenbar ohne Absprache mit der Leitung der Pädagogischen Zentralbibliothek, was eine gewisse Verbitterung hervorrief, wie sie in den ersten Nachwendejahren nicht unüblich war. Die Sachlage war jedenfalls verworren, aber zu einer – aus heutiger Sicht eigentlich erwartbaren – gerichtlichen Auseinandersetzung ist es nie gekommen.

Ich hatte einen eher halbherzigen und letztlich ergebnislosen Versuch unternommen, zumindest in Erfahrung zu bringen, wo das Relief aufbewahrt wird. Aber damals standen auch wirklich andere Aufgaben im Zentrum meiner Arbeit. Aktuell wurde das Thema dann erst etwa 10 Jahre später, im Jahr 2006. Das Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg hatte beschlossen, die Bibliothek des Pädagogischen Zentrums (PZ) aufzulösen. Wir fuhren zu dritt los, um nachzusehen, ob es sich um Bestände handelt, die sich zur Ergänzung des BBF-Bestandes eignen. Und in einem dieser Räume stand auf dem Boden das Diesterweg-Relief. Eine Verständigung wurde schnell erreicht, so dass u.a. auch das Relief in die Räume der BBF gelangte. Ich beauftragte dann einen geeigneten Tischler, eine Präsentation für das Relief anzufertigen, um es im Lesesaal aufzustellen.

Für alle, die meiner Erzählung bis jetzt gefolgt sind, eine gute Nachricht: Nun kommt das Ende der Geschichte. Nicht lange nach der Aufstellung des Reliefs erhielt ich Besuch von Egbert Jancke, der zu diesem Zeitpunkt bereits im Ruhestand war. Nach dem üblichen Austausch von Höflichkeitsfloskeln kam er schließlich auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen. Er sei in großer Sorge um das Diesterweg-Relief, da nun sein Pädagogisches Zentrum aufgelöst werde. Er befürchte gar, dass es entsorgt werden könnte und bat dringlich, dass ich mich darum kümmern sollte. Statt einer großen Darlegung des aktuellen Sachstandes, bat ich ihn, mir in den Lesesaal zu folgen. Und nun stand er schweigend und sichtlich ergriffen davor. Nachdem von ihm keine Reaktion kam habe mich ich zu ihm gewandt und gesehen, dass ein paar Tränen flossen. Ich habe mich gleich abgewandt und gewartet, bis er sich wieder gefasst hatte.

Dies war ein Moment, der mich selbst sehr berührt hat. Denn Herr Jancke, der vor wenigen Jahren verstorben ist, war keineswegs ein weinerlicher Typ, ganz im Gegenteil. Heute allerdings verstehe ich ungleich besser als damals, welche Emotionen ein Kunstwerk auslösen kann – selbst wenn es, wie das Diesterweg-Relief der BBF, nicht von herausragender Qualität ist.

Alles Gute !!!

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