Rückenschule

Fast alle von uns haben bereits folgende leidvolle Erfahrung gemacht. Den ganzen Tag nur vor dem Rechner gesessen, dann eine spontane flotte Bewegung – zack! Hals verdreht, Rippenblockade oder im schlimmsten Fall ein Hexenschuss.

Nicht nur wir Menschen haben Rückenbeschwerden. Auch unsere Bücher leiden unter Verspannung, Überdehnung und Fehlhaltungen. Sie erdulden still gebrochene Gelenke, eingerissene Falze und lose Einbanddeckel.

Und jetzt Hand aufs Herz: Wer hat schon einen Einband zum Knacken gebracht, wenn dieser über die natürliche Belastungsgrenze hinaus geöffnet wurde? Na?

Schicken wir die Bücher lieber zur Rückenschule, denn Prävention ist wie immer das Zauberwort!

Frisch aus dem Magazin geholt liegt ein schwerer Foliant auf dem Tisch. Schlügen wir ihn ohne Hilfsmittel auf, wäre das so, als würden wir spontan zum Spagat gezwungen werden! Das Mittel der Wahl sind spezielle Keilkissen aus Schaumstoff. Es gibt sie in verschiedenen Formen, die alle ihren Zweck erfüllen.

Ein Buch mit festem Ledereinband benötigt beispielsweise oft zwei Keilkissen als Positionierungshilfe, die seine Deckel sanft stützen.

Der Buchrücken dazwischen darf sich entspannen, die Gelenkmobilität verbessert sich, ohne dabei Zugbelastungen auszulösen, die Seiten können bequem betrachtet werden. Das Buch liegt da wie auf einer Therapieliege und denkt: „Oh, wie ergonomisch!“

Manche historische Einbände sind ähnlich beweglich wie Menschen, die morgens nach dem Aufstehen erst einmal zehn Minuten benötigen, um ihre Wirbelsäule zu überzeugen, den Dienst aufzunehmen. Wir wollen nichts erzwingen! Manchmal sind eben nur kleine Öffnungswinkel möglich. Das Keilkissen bietet passive Stabilisierung ohne Überdehnungen. Keine ruckartigen Bewegungen, kein gewaltsames Auseinanderdrücken! Die Devise lautet sanfte Mobilisation.

An muskelbepackte Kreuzberger Türsteher erinnern sehr dicke Bände. Werden sie falsch gelagert, lastet durch ihr Gewicht enormer Druck auf dem Rücken. Zwei bis drei passende Keilkissen verteilen ihn gleichmäßiger. Das verhindert eine Überbelastung und beugt einem Bandscheibenvorfall im Buchformat vor.

Und wie beim Menschen gibt es auch bei Büchern keine Universallösung. Was für einen schmalen Broschureinband perfekt passt, kann für einen schweren Pergamentband völlig ungeeignet sein. Wir Buchliebende arbeiten daher wie in der Physiotherapie. Wir beobachten, beurteilen und passen gegebenenfalls an. Entweder mittels flexibler Höhenanpassungen oder bei nach außen wölbendem Rücken durch bewusstes Weglassen einer zusätzlichen Unterstützung. Fertig ist das individuelle Trainingsprogramm.

Vollständig wird die Rückenschule durch den Einsatz von Sandsäckchen und Bleischlangen. Sie halten, individuell eingesetzt, Seiten sanft auf, ohne zu starken Druck von oben auszuüben. Zusammen mit den Keilkissen entsteht so ein ganzheitlicher Ansatz in der Buchphysiotherapie.

Letztlich verfolgen wir dasselbe Ziel: Belastungen reduzieren, Schäden vermeiden und eine gesunde Haltung fördern. Der Mensch wird zur regelmäßigen Bewegung angehalten und bekommt ergonomische Büromöbel. Das Buch erhält Unterstützung durch passende Hilfsmittel und eine sorgfältige Handhabung durch respektvolle Nutzer*innen. So steht es uns mit seinem Wissen noch viele Jahrhunderte zur Verfügung.

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