Mitte des Jahres 1989, es gab die DDR noch aber die Unruhe in der Bevölkerung, besonders unter der Jugend, nahm zu. Ich war wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Geschichte der Erziehung an der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR (APW) und erfuhr davon, dass die Leiterin des Archivs der APW, die ebenfalls aus dieser Abteilung kam, in Kürze in den Vorruhestand gehen würde. Die Arbeit mit originalen historischen Quellen hat mich schon immer interessiert, besonders auch deren Erhaltung, Aufbereitung und Bereitstellung für die Forschung. Erfahrungen hatte ich mit Fotos gesammelt, denn einer meiner Arbeitsschwerpunkte war die Betreuung der von Robert Alt angelegten Bildersammlung zur Geschichte der Pädagogik, aus der in den 1960er Jahren die zwei Bände des Bilderatlasses zur Schul- und Erziehungsgeschichte hervorgegangen waren.
Kurz entschlossen meldete ich mich beim zuständigen Vizepräsidenten der APW an und signalisierte mein Interesse für die frei werdende Stelle im Archiv. Am 1. Januar 1990 war es soweit. Ich leitete das APW Archiv und zum 31. Dezember des selben Jahres war es damit schon wieder vorbei. Aber was war das für ein Jahr, es gab keine DDR mehr und auch keine APW. Alles abgewickelt und aufgelöst! Die Hauptarbeit, die meine Kollegin, die die Stelle als Verwaltungsarchivarin inne hatte, und ich leisteten, bestand darin, alle Arbeitsräume des Haupthauses der APW in der damaligen Otto-Grotewohl-Straße und in den vielen über (Ost)Berlin verteilten Nebengebäuden zu durchlaufen, hinterlassenes Aktenmaterial zu sichern, zu sichten und zu bewerten, ob es aufbewahrt werden oder in einem der Container entsorgt werden sollte. Zeitgleich mit uns waren zwei Kolleginnen der Präsenzbibliothek damit beauftragt, sich in gleicher Weise um Gegenständliches wie Bilder und Skulpturen zu kümmern.
Als die APW weitgehend abgewickelt, die Räume leer und die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen entlassen waren, blieben drei Bereiche übrig, die anerkanntes Kulturgut aufbewahrten: die Pädagogische Zentralbibliothek, das Archiv und das Schulmuseum. Letzteres entschloss sich schnell, eigene Wege zu gehen. Die damaligen Akteure stellten viele Überlegungen darüber an, wie nun mit den Büchern, Zeitschriften, Tonträgern, Fotos, Akten und Sammlungen verfahren werden sollte. Wer konnte sie übernehmen, unterbringen, finanzieren, und was wird mit dem Personal? Eine unruhige spannende Zeit der Übergänge und Provisorien folgte bis eines der Vorhaben, die Pädagogische Zentralbibliothek und das Archiv an das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) anzugliedern, Gestalt annahm und schließlich beschlossen wurde. Ab 1.1. 1992 trug die Bibliothek den Namen „Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung“ und erhielt damit auch ein neues Profil. Mit dem Umzug in das rekonstruierte Gebäude in der Warschauer Straße ging die Arbeit richtig los. Das Institut ermöglichte mir eine umfassende Fortbildung, die mir dabei half, mich in die verschiedenen Bereiche der Archivarbeit hineinzufinden. Ich war schließlich eine Seiteneinsteigerin.
Zu aller erst musste ich lernen, wie wichtig Eigentumsfragen unter den neuen Bedingungen waren. Wem gehörten die Bestände, wie und durch wen waren sie ins Archiv gekommen, gab es Verträge…? Am einfachsten war es mit dem Aktenarchiv der APW und seiner Vorgängereinrichtung. Hierzu legte das 1990 erweiterte Bundesarchivgesetz fest, dass die Archivalien von staatlichen Einrichtungen der DDR ins Bundesarchiv zu überführen waren. In Absprache mit dem Bundesarchiv wurde mit dem DIPF ein Depositalvertrag abgeschlossen. Die Akten blieben im Archiv in der BBF und wurden von uns für die Forschung bereitgestellt. Anders sah es mit den zahlreichen Personennachlässen und den Materialien aus, die schon zur Zeit der Deutschen Lehrerbücherei zusammengetragen worden waren. Hier lagen die Eigentumsverhältnisse bei längst nicht allen auf der Hand, und es sind leider auch für die mir nachfolgenden Kolleginnen und Kollegen offene Fragen bestehen geblieben.
Zeitgleich mit der Klärung der Eigentumsverhältnisse erfolgten die ersten zaghaften Schritte der computergestützten Erschließung von Archivgut. Zunächst besuchten meine damalige Kollegin und ich (West)Berliner Archive, um zu sehen, wieweit die dortigen Kollegen und Kolleginnen auf diesem Gebiet vorangekommen waren, welche Programme sie benutzten, ob diese auch für unser Archiv geeignet waren, wo man sie bekam, wer sie installierte und was sie kosteten. Es nutzte uns aber gar nichts, wenn uns ein solches Programm gefiel, denn die Bibliothek arbeitete Allegro basiert, und das sollten wir im Archiv auch tun. Dadurch sollten sich Bibliotheks- und Archivdaten miteinander verknüpfen lassen. Mir leuchtete das als ein Vorteil für Benutzerinnen und Benutzer sehr ein, geklappt hat es aber nie. Was damals ein langer Weg zur computergestützten Recherche war, ist heute eine Selbstverständlichkeit.
In Gestalt der um sich greifenden Digitalisierung kam eine weitere schwer zu bewältigende Aufgabe auf uns zwei Mitarbeiterinnen des Archiv zu. Wir hatten einen gewaltigen Bestand an Lehrerkarteien von preußischen Volksschullehrern und Personalblättern von Lehrern und Lehrerinnen an preußischen Gymnasien bekommen, die Benutzerrekorde auslösten. Einmal besuchte uns ein älterer Herr, der über Volksschullehrer aus seiner Region arbeiten wollte und sehr ungehalten darüber war, dass wir nicht alle Namen aus seiner Liste in den Karteien auffinden konnten. Außerdem waren wir zu der Zeit noch nicht in der Lage, alle von den damaligen Behörden benutzten Abkürzungen aufzulösen, die auf den Karten vermerkt waren. Meine Erklärungsversuche konnte der Herr nicht akzeptieren und sagte schließlich verärgert: „Jetzt möchte ich aber mal eine Fachkraft sprechen.“ Und ich: „Sie müssen leider mit mir vorlieb nehmen. Ich bin die Fachkraft.“ Wir haben für ihn noch in anderen Bibliotheken und Archiven recherchiert und konnten ihm ein wenig weiterhelfen und ihn so versöhnen. Aus all dem ergab sich, dass diese Dokumente sich hervorragend für ein Digitalisierungsprojekt eigneten. Das ging natürlich nur mit Hilfe der Kolleginnen und Kollegen, die sich in der BBF mit der EDV auskannten und mit Unterstützung durch die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen einer Arbeitsbeschaffungsmassnahme (ABM), die die einzelnen Dokumente digitalisierten.

Sehr gerne habe ich gemeinsam mit Kolleginnen Ausstellungen aus den Beständen des Archivs und der Bibliothek gestaltet. Vor 25 Jahren war es das 125jährige Jubiläum der BBF, das wir mit einer umfassenden Ausstellung und einer Tagung zu ihrer Geschichte gefeiert haben. Das Suchen nach Dokumenten und ihre Auswertung war spannend und hat viel Freude bereitet. Kurz bevor ich mich in mein Rentnerinnenleben verabschiedet habe, kam mir die Idee, als einen letzten Höhepunkt meiner Arbeit gemeinsam mit meiner Kollegin eine Ausstellung über den Reformpädagogen Berthold Otto zu erarbeiten. Aus der Berthold-Otto-Schule in Berlin Lichterfelde hatten wir einen umfangreichen Nachlass Berthold Ottos in das Archiv übernommen und konnten aus der Schule ein großes Plakat und eine Büste Ottos als Leihgaben erhalten.
Eine wissenschaftliche Konferenz und ein Katalog begleiteten die Ausstellung. Jedoch was geschah am Tag der Eröffnung? Über Berlin und seine Umgebung, ja über weite Teile Europas, brach der Orkan „Kyrill“ mit heftigen Windböen und Starkregen herein. Der Schuldirektor musste seine Schüler und Schülerinnen frühzeitig nach Hause entlassen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der BBF wurden ebenfalls früher in den Feierabend geschickt und alle Veranstaltungen abgesagt. Nur der Leiter der BBF, seine Frau und ich blieben im Gebäude, um eventuell doch eintreffende Gäste zu empfangen. Das so schön geplante Ereignis fiel buchstäblich ins Wasser. Mir fällt dazu die Schlagerzeile ein „Im Leben, im Leben geht’s manches Mal daneben“. Wir haben ein paar Wochen später alles im Rahmen einer Finissage nachgeholt.
Meine Entscheidung für die Arbeit im Archiv habe ich nie bereut und blicke mit Freude auf erfüllte 18 Arbeitsjahre in der BBF zurück.
Der BBF wünsche ich noch viele weitere spannende ereignisreiche Jahre im Dienste von Forschung und Wissenschaft!


