Unter den Objekten aus dem Altbestand des Deutschen Schulmuseums, die sich heute im Berlin Museum (Stiftung Stadtmuseum Berlin) befinden, befindet sich auch eine zunächst unscheinbare rote, mit der Zeit etwas verschmutzte Mappe. Sie enthält 10 Druckgrafiken mit Stadtansichten von Berlin um 1780. Darauf sind zum Beispiel die Kurfürstenbrücke, der Schlossplatz, der Lustgarten, der Fischmarkt, der Hackeschen Markt, die Klosterstraße, die Fischerbrücke und der Tiergarten zu sehen.

Die Ansichten sind Kunsthistoriker: innen nicht unbekannt. Acht der Druckgrafiken stammen von Jean Rosenberg (Johann Georg Rosenberg, 1739-1808) und zwei von Daniel Nikolaus Chodowiecki (1726-1801). Beide waren bekannte Grafiker und Kupferstecher, die im 18. Jahrhundert in Berlin gelebt und zahlreiche Druckgrafiken geschaffen haben.
Auf den in der Mappe enthaltenden Druckgrafiken befinden sich, neben dem französischen Titel teilweise auch ein deutscher Titel. Das deutet darauf hin, dass es sich um spätere Faksimiles, also Nachdrucke handelt, vermutlich für den Schulunterricht.



Die Stadtansichten ermöglichten den Schüler: innen einen Blick zurück ins 18. Jahrhundert zu werfen und wie sich Berlin seitdem verändert hat. Die Industrialisierung führte zu einem rasanten Bevölkerungswachstum und dem Ausbau von Wohnungen und neuer Infrastruktur für die Stadt.
Doch etwas ist merkwürdig. Auf jeder Druckgrafik in der Mappe, die in der Datenbank den Vermerk „Altbestand Dt. Schulmuseum bzw. Dt. Lehrerbücherei?“ hat, befindet sich ein Stempel des Städtischen Schulmuseum Berlin.

Deutsches Schulmuseum? Städtisches Schulmuseum? Woher stammt die Mappe nun? Und über welche Institution gelangte sie in das Berlin Museum (Stiftung Stadtmuseum Berlin)?
Der Stempel belegt: Die Mappe muss sich im Städtischen Schulmuseum Berlin befunden haben.
Das Städtische Schulmuseum wurde 1875 von der Stadt Berlin gegründet. Es sollte der Fortbildung von Volksschullehrern dienen. Dafür sammelten es auch Objekte von neuen und vergangenen Unterrichtmitteln und veranstaltete Ausstellungen.
Ein Jahr später wurde in Berlin das Deutsche Schulmuseum vom Berliner Lehrerverein gegründet. Es hatte das gleiche Sammlungsprofil wie das Städtische Schulmuseum und wollte ebenfalls mit Ausstellungen Volksschullehrern die Fortbildung ermöglichen
Das zeitgleich sowohl von einer städtischen Behörde als auch von Lehrern selbst ein Museum für die Fortbildung von Volksschullehrern gegründet wurde, zeugt von einem starken Bedürfnis nach besserer Ausbildung der Lehrer und einer Verbesserung des Volksschulniveaus.
1908 erhält das Deutsche Schulmuseum ein neues Gebäude am Alexanderplatz, in das es mit seiner Bibliothek einzieht. Aus Platzgründen gibt es seinen Lehrmittelbestand an das Städtische Schulmuseum ab und nennt sich in Deutsche Lehrerbücherei um.
Das Städtische Schulmuseum besteht bis 1915. Dann wird es in das neugegründete Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht eingegliedert, das deutschlandweit agiert.
Das Städtische Schulmuseum bestand demnach von 1875-1915. In einem Bestandskatalog von 1885 ist die Grafikmappe nicht zu finden. Sie ist daher vermutlich zwischen 1885 und 1915 ans Städtische Schulmuseum gelangt. Wann genau und wie sie dorthin gelangt ist, lässt sich bisher nicht klären.
1949 übernimmt die DDR das Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht und nennt es Deutsches Pädagogisches Zentralinstitut der DDR (DPZI). 1962 wird die pädagogische Zentralbibliothek, zu der seit 1951 die Deutsche Lehrerbücherei gehört, mit dem DPZI zusammengeführt. Damit befinden sich sowohl der ehemalige Bestand des Städtischen Schulmuseums und auch der gesamte Bestand des ehemaligen Deutschen Schulmuseums im Zentralinstitut der DDR. Das Zentralinstitut wird 1970 in die Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR (APW) umgewandelt. Auf Grundlage der alten Schulmuseumsbestände wird 1986 in der APW ein Schulmuseum gegründet.
Auch in Westberlin besteht ein Interesse an einem Schulmuseum. Hier gründete sich bereits 1976 die Arbeitsgruppe Pädagogisches Museum, die allerdings keine eigene Sammlung hat. 1990 schließen das Schulmuseum und die Arbeitsgruppe Pädagogisches Museum einen Kooperationsvertrag. 1995 wird die Stiftung Stadtmuseum Berlin gegründet. Zur Stiftung gehört auch das Museum Kindheit & Jugend, in die die Sammlungsbestände des Schulmuseums und weitere Sammlungsbestände eingegliedert werden.
Die Grafikmappe gelangte demnach über die Sammlung des Schulmuseums der APW in die Sammlung der Stiftung Stadtmuseum Berlin. Da bisher keine weiteren Objekte des Städtischen Schulmuseums im Berlin Museum (Stiftung Stadtmuseum Berlin) bekannt sind, ist das Objekt wohl dem Altbestand des Deutschen Schulmuseums zugeordnet worden.
Aus dem Altbestand des Deutschen Schulmuseums sind vor allem handschriftliche Dokumente, Zeichnungen, Fotografien und Schulwandbilder bekannt.
Da nicht alle Objekte einen Stempel tragen, ist eine Identifikation nicht immer einfach. Die Objekte befinden sich im Bestand des ehemaligen Museums Kindheit & Jugend auf verschiedene Depots aufgeteilt. Der Gesamtbestand, bestehend aus
- rund 25.000 Dokumente, wie Schulhefte, Zeugnisse und Poesiealben
- ca. 20.000 Bücher,
- 5.000 Lehrmittel, Lehrfilme und Schulmöbel
- Kinder- und Jugendmöbel
- Fotografien
- Plakate, Grafiken und Skulpturen
- Spielzeug
Literatur: Günzer, Reiner (Hg.): Jahrbuch. Stiftung Stadtmuseum Berlin. 1995. Berlin, 1997. S. 104 f.
Sammlung: https://www.berlin.museum/sammlung/sammlungen/sammlung-kindheit-und-jugend
Bildunterschriften/ -Hinweis: Berlin Museum, Public Domain 1.0


