„Wer rechnen will, der Lehrn das ein mahl eins“ 

Dieses Motto kennt wohl jeder aus der eigenen Schulzeit, hier zitiert aus dem handgeschriebenen Rechenbuch, „gehörig und berechnet von Christian Nitsch aus Schnackenborg, 1782“. Es ist mir aus der ersten Ausstellung des Berliner Schulmuseums in Erinnerung geblieben, in dem ich 1988 meine Museumstätigkeit begonnen hatte. Im Zusammenhang mit dem 150jährigen Jubiläum der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung fiel mir dieses Exponat wieder ein. Was macht dieses Dokument so besonders? 

Rechenbuch von Christian Nitsch, 1872, S. 3 und S. 5
Sammlung Stiftung Stadtmuseum Berlin, Reproduktion: Dorin Alexandru Ionita

Auffallend ist eine Doppelseite mit gleich zwei Darstellungen des kleinen Einmaleins, ungewöhnlich jene auf der rechten Seite. „Noch auf eine andere Art das kleine Ein=mal Eins“ lautet die Überschrift. Die Zahlenreihen sind in einem Dreieck untergebracht. Es ist mehrfarbig mit Tinte verziert, von einem Turm gekrönt und umgeben von dem Spruch:  



Außerdem kann man das Datum 16. März 1782 und C.N.S. für Christian Nitsch aus Schnackenborg (heute Komary, Stadtteil von Gdańsk) entdecken. Der Namenszug findet sich auf den Seiten der sorgfältig ausgeführten Aufzeichnungen immer wieder in unterschiedlicher Gestalt. Doch wer war der Schreiber? Die mit den Erläuterungen zu den Rechenarten verbundenen Beispielaufgaben, die Aufstellung von Münzen, Maßen und Gewichten und weitere Eintragungen deuten auf einen kaufmännischen Bezug hin. Im Kapitel vom „Subtrahieren in ganzen Zahlen“ erfährt man schließlich aus einer Rechenaufgabe, dass Christian Nitsch seine Aufzeichnungen als Vierzehnjähriger machte, also sein Geburtsjahr 1768 ist.  

Rechenbuch von Christian Nitsch, 1872, S. 30 
Sammlung Stiftung Stadtmuseum Berlin, Reproduktion: Dorin Alexandru Ionita 

Neben den vielen Fragen, die sich zu Inhalt und Art und Weise der Rechnungen ergeben oder auch zur aufwendigen Gestaltung sowie zum Schreiber selbst, kommen noch viele andere zum Schicksal dieses Büchleins als Sammlungsobjekt. Heute wird es bei der Stiftung Stadtmuseum Berlin aufbewahrt. Sie wurde 1995 für die Weiterführung städtischer Museumseinrichtungen Ost- und Westberlins gegründet, zu denen auch das Schulmuseum (weitergeführt bis 2008 als Museum Kindheit und Jugend) gehört. Eine auf der Titelseite mit Bleistift vermerkte alte Inventarnummer HS III 37 verweist auf eine längere museale Vorgeschichte.  

Handschriften Band 1, Eingangsbuch des Deutschen Schulmuseums 
DIPF/BBF/Archiv DLB 85 Bd.1 

Das Kürzel HS steht für die Bestandsgruppe „Handschriften“ des 1876 auf Initiative von Berliner Volksschullehrern vor allem für Fortbildungszwecke begründeten Deutschen Schulmuseums. Ab 1908 wurde von dieser Einrichtung nur die Bibliothek als Deutsche Lehrerbücherei weitergeführt. Der in weiten Teilen erhalten gebliebene Bibliotheksbestand bildet einen Grundstock der heutigen Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung. Im zugehörigen Archiv wird das Eingangsbuch des ehemaligen Deutschen Schulmuseums „Handschriften Band 1“ aufbewahrt und unter Abteilung III „Schriftliche Schülereintragungen“ auf S. 233 findet sich der Eintrag zur Signatur HS III 37. Erhoffte, über den Titel hinausgehende Informationen zur Provenienz, wie sie für gegenwärtige museale Sammlungen zum Standard gehören, gibt es nicht. Das Zugangsdatum zur Sammlung ist generell nicht vermerkt, ab 1929 aber sind in der Randspalte teilweise Jahreszahlen vorhanden, die als Eingangsdatum gedeutet werden können. Beim gedachten Objekt ist die Jahreszahl 1933 hinzugefügt. Konkrete Schlüsse lassen sich ohne vertiefende Recherchen zur Genese der Sammlung nicht ziehen. 

Der weitere Weg des Rechenbuchs hin in die Ausstellung des Schulmuseum geht über verschiedene, für das Objekt im Einzelnen nicht verzeichnete Stationen. Dessen Existenz begann 1986 unter dem Dach der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR, die von 1970 bis 1990 in ihren Institutionen die erhaltenen Bestände des Deutschen Schulmuseums bzw. der Deutschen Lehrerbücherei verwaltete. So ist das Rechenbuch des Christian Nitsch von 1782 gleichermaßen ein interessantes Objekt der Bildungsgeschichte sowie Teil der Institutionsgeschichte der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung und der Stiftung Stadtmuseum Berlin. 

Nele Güntheroth 

(1988-2023 Schulmuseum/Stiftung Stadtmuseum Berlin) 

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