Der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung gilt mein herzlicher Glückwunsch zum 150jährigen Jubiläum. Eine Bibliothek, die sich seit 150 Jahren unter verschiedenen Namen und an unterschiedlichen Orten einer Sache widmet, nämlich dem Wohle der Bildung zu dienen, hat einen Glückwunsch wie einen Dank verdient. Mögen sich auch die pädagogischen Ideale in diesen Jahren, man könnte sagen: zum Glück!, verändert haben, so steht diese Bibliothek doch letztendlich im Geiste von bedeutenden pädagogischen Köpfen: Jean-Jacques Rousseau, Christian Gotthilf Salzmann, Johann Heinrich Pestalozzi, Friedrich Fröbel oder Adolph Diesterweg. Auch das Land Brandenburg hat einen bedeutenden Kopf zu verzeichnen: Friedrich Eberhard von Rochow, der im 18. Jahrhundert die Landschule zu Reckahn begründete. Von hier sollte der Weg nicht zu weit sein, an einen bedeutenden Pädagogen zu erinnern, der im 20. Jahrhundert unter schwersten und gefährlichsten Bedingungen das Kind in den Mittelpunkt seiner pädagogischen Arbeit stellte. Abseits aller im Nationalsozialismus des „Dritten Reiches“ erfundenen „rassischen Normen“ sog. Normalität ermöglichte er in einer einklassigen Volksschule in der Mark Brandenburg, in Tiefensee, die Entfaltung von Kindern in Freiheit. Es handelt sich um den 1933 suspendierten Nationalökonomen und Hochschullehrer aus Halle, Adolf Reichwein (1898-1944). Die Idee, dass das, was die Hand ergreift, der Kopf auch begreifen kann, d.h. die sinnliche Erfassung der umgebenden Welt als Voraussetzung eines vernünftigen Handelns, ermöglicht ein verantwortungsvolles Handeln auch des erwachsenen Menschen. Was er im Schulbetrieb erprobte, setzte er 1939 als Leiter der Abteilung „Schule und Museum“ am damaligen Museum für Deutsche Volkskunde in Berlin fort. In seinen vier Lehrausstellungen, von denen die letzte in den Kriegswirren unterging, setzte er Maßstäbe für eine neue Museumspädagogik.

Als späterer Direktor dieses Hauses, dem heutigen Museum Europäischer Kulturen der Staatlichen Museen zu Berlin durfte ich auch dieses Erbe Reichweins antreten, das mir den Elan gab, die Vermittlung der musealen Welt der Objekte als Themen einer Zivilisations- und Kulturgeschichte an seine Besucher weiterzugeben. Reichweins stetes Engagement für die Freiheit des Menschen, das ihn seit seiner Zeit in der Jugendbewegung antrieb, war auch der Zugang zur Arbeit des Kreisauer Kreises um James Graf von Moltke für ein erneuertes Deutschland in Freiheit. Dies sollte 1944 seine Verhaftung, Verurteilung vor dem „Volksgerichtshof“ und Ermordung durch die nationalsozialistischen Machthaber zur Folge haben.
Dass wir heute so viel über Adolf Reichwein, sein Leben, seine Gedankenwelt, sein gesellschaftliches Engagement und natürlich auch seine Pädagogik wissen, ist auch der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung zu verdanken. Die Bibliothek mit ihren reichen Archiven zur Bildungsgeschichte verwaltet auch das nach dem Zweiten Weltkrieg zusammengetragene „Reichwein-Archiv“. In einem sprichwörtlichen Gewaltakt gelang es dem Adolf Reichwein Verein und der BBF zudem, in fünf voluminösen Bänden das schriftliche Erbe Reichweins in einem mustergültigen begleiteten Forschungsvorhaben zu edieren. Alle Texte wurden erneut geprüft und historisch-kritisch kommentiert. Damit fügt sich ein weiterer Pädagoge der langen Geschichte der Bildung mustergültig in die forschungsgeleitete Arbeit der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung und seines Archivs ein.
Dies dankt der Bibliothek mit herzlicher Gratulation
Dr. Konrad Vanja,
Museumsdirektor a. D. und letzter Erster Vorsitzender des 2017 aufgelösten Adolf Reichwein Vereins e.V.
Adolf Reichwein Pädgogische Schriften. Kommentierte Werkausgabe in fünf Bänden. Bd. 1- 5. Herausgegeben und bearbeitet von Karl Ch. Lingelbach und Ullrich Amlung. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt-Verlag 2011-2015.

