Der Nachlass meiner Mutter

Seit Jahrzehnten stand und lag in einem meiner Bücherregale der Nachlass meiner Mutter. Dort war auch, von meiner Mutter sehr gehütet, ein riesiger Aktendeckel mit Zeugnissen, Examensdokumenten, eigenem Lebenslauf ihrer Mutter, meiner Großmutter Katharina (genannt: Kathinka) Ohlsen. Denn diese (geb. 12. 06. 1864) war 16 Jahre lang im preußischen Schuldienst tätig  gewesen, hatte 1893, einem Aufruf von Helene Lange folgend, vier Semester hindurch in einer kleinen Frauengruppe – von bekannten und angesehenen Professoren wie dem Altphilologen Ulrich von Wilamowitz-Möllendorf oder dem Germanisten Moritz Heyne gesondert unterrichtet – in Göttingen studiert und damit die Befähigung zum Unterricht auch in den oberen Klassen einer höheren Mädchenschule erworben. Um in Göttingen studieren  zu können, musste sie allerdings zwei Jahre lang von ihrem Gehalt, das sie weiterhin bekam, eine Vertretungskraft stellen und zusätzlich finanzieren, die für sie den Unterricht an ihrer Flensburger Schule gab. – Ja, und dann hatte sie wenige Jahre später 1899 geheiratet!  „Wozu das Ganze?“ – soll damals das allgemeine Echo gewesen sein. Denn mit der Heirat schied eine Frau aus dem Staatsdienst aus und verlor zugleich jegliches Anrecht auf irgendwelche Bezüge des Staates, selbst für bereits geleistete Berufsjahre.

Und doch hat sich später, als im Lauf der Jahre vier Kinder hinzugekommen waren, diese Ausbildung der Katharina Ohlsen, jetzt verheiratete Marsch, ausgezahlt. Mein Großvater, Dipl. Ingenieur und Unternehmer, war während der Revolution in Russland mit seinem Wagenpark in Konkurs gegangen und hatte zudem all seine Aufträge verloren. Den Lebensunterhalt für die inzwischen sechsköpfige Familie zu verdienen, lag immer mehr auf den Schultern der Großmutter. Zurück in den Schuldienst? Als sie sich im Jahr 1910 um Anstellung in einer höheren Mädchenschule bewarb, wurde ihr Antrag vom Kuratorium der höheren Lehranstalten aus Kostengründen abgelehnt. Doch es wuchs, aus Privatunterricht entwickelt, ab 1907 eine von ihr gegründete private Förderschule („Familienschule“) heran, in der Problemkinder weiter zur Schule gehen, ja, in vielen Fällen auch den Anschluss an die staatlichen Schulen wiedergewinnen konnten: Die „höhere Privatschule Marsch Berlin – Steglitz“. Bis in die Mitte der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts konnten in dieser Schule, von einem kleinen Lehrerstamm unterrichtet, bis zu tausend Kinder eine fröhliche und sie fördernde Schulzeit erleben. — Doch dann kam die Weltwirtschaftskrise. Die Schule musste schließen. Die Schulleiterin erkrankte schwer. Ihre Hoffnung, die Schule einmal auf Rentenbasis in andere Hände geben zu können, war zerstoben. Auch die an den Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung gerichtete Bitte, für die geleisteten 16 Berufsjahre im regulären Schuldienst eine kleine Unterstützung zu erhalten, wurde abschlägig beschieden. Völlig mittellos kamen beide Großeltern 1931 im Haushalt ihres ältesten Sohnes, eines jungen Landarztes in Schleswig-Holstein, unter. Dort starb Kathinka Marsch, geb. Ohlsen, im Juli des Jahres 1932. Ihr an Zucker schwer erkrankter Mann starb fünf Jahre später.

Dies alles lag nun in einem meiner Bücherregale. Doch wohin damit? Würde sich eine nächste Generation noch dafür interessieren? Sollte alles in den Papierabfall wandern?

Ich stieß auf ein Buch von Hilde Schramm, die eine Biographie über ihre Lehrerin Dora Lux geschrieben hatte, und fragte an, ob sie eine Einrichtung wisse, die sich vielleicht für die Dokumente aus dem Leben meiner Großmutter interessieren würde. Und ich erhielt eine freundliche Antwort. Ja, es gäbe in Berlin die „Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung“ (BBF), ich sollte mich gern an deren freundliche Archivleiterin wenden. Dies tat ich, und dann ging alles sehr schnell. Ich bekam eine hoch erfreute Antwort. Bis zum letzten Papierdokument wollte Bettina Reimers alle meine Unterlagen haben, die ich dann im August 2014 in der Warschauer Straße abgab. Alles wurde zügig in den Bestand des Archivs des BBF eingearbeitet und liegt nun zur Lektüre für an Bildungs- und Frauengeschichte interessierte Nutzer und Nutzerinnen vor. Ich meinerseits war und bin froh, die Geschichte meiner Großmutter gut aufgehoben zu wissen und danke Frau Reimers für die umsichtige Betreuung und das große Interesse, das sie meinen Familienunterlagen entgegengebracht hat.

Vielleicht darf ich noch anfügen, dass der Kontakt zur BBF auch nachträglich nicht abgebrochen ist. Noch einmal erfuhr ich eine große Hilfe durch die Möglichkeit der Nutzung von Bibliothek und Archiv der BBF, gut begleitet von der zuständigen Archivleiterin.

Im Jahr 2019 ist in einer lippischen Zeitschrift, den „Lippischen Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde“, eine Detmolder Lehrerin und spätere Schuldirektorin in einer anderen Stadt posthum als ehemalige NS-Anhängerin denunziert worden. Da ich dieser Lehrerin sehr viel zu verdanken habe, mochte ich den Behauptungen der Verfasser nicht glauben. Denn diese Lehrerin hatte uns Schülerinnen schon in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts während ihrer Detmolder Lehrtätigkeit mit dem Kirchenkampf und dem politischen Widerstand in der NS-Zeit bekannt gemacht. Sie hatte uns zu Zivilcourage und zum Eintreten für das als richtig Erkannte erziehen wollen. Ich forschte daher nach den Quellen, auf die die Verfasser des Zeitschriftenbeitrags ihre Behauptungen stützten und stieß vor allem auf die „Personalbögen für den Schuldienst“, die zum großen Teil in der BBF aufgehoben und in einer kleinen Schrift von Ursula Basikow im Herold-Jahrbuch 2006 besprochen worden sind. Aus einem solchen Personalbogen aus dem Jahr 1940 hatten die Verfasser ihre Belege.

Doch wie waren die Angaben in diesem Personalblatt zustande gekommen? Von wem und mit welcher Absicht sind sie eingetragen worden? Ich durchsuchte die Personalbögen eines ganzen Jahrganges und fand heraus, dass es in den mir vorliegenden preußischen Lehrerblättern erst ab dem Jahr 1936/37 eine politische Abfrage gab. In allen früheren preußischen Personalblättern, die die angehenden Lehrer und Lehrerinnen selbst ausfüllen mussten, wurde keine politische oder weltanschauliche Einstellung erfragt. Erst im sog. „Dritten Reich“ mussten angehende Lehrer oder ältere Lehrkräfte, die auf eine Beförderung zugingen, in Preußen darüber Auskunft geben, ob sie Parteimitglieder der NSDAP waren oder zumindest einer NS-Organisation angehörten. Wer sich verweigerte und einen solchen Fragebogen nicht ausfüllte, konnte nicht wissen, ob ihm der Eintritt in das Lehramt oder die Beförderung am Ende verweigert wurde. So füllten fast alle Referendare ab 1936/37 diese Personalbögen mit ihren Zusatzfragen aus. Auch diejenigen, die den NS-Staat ablehnten, sahen sich nun genötigt, irgendwelchen NS-Organisationen beizutreten. Man wählte dann eben die harmloser erscheinenden Organisationen wie die Volkswohlfahrt oder – als Frau – die NS-Frauenschaft und trug diese in den Fragebogen ein. Selbst die Studierenden an der Berliner Universität wurden in ähnlicher Weise zum Eintritt in die Partei oder eine NS-Organisation gezwungen. Michael Grüttner weist in einem seiner Aufsätze darauf hin, dass die Berliner Universität seit dem Wintersemester 1936/37 von allen Studenten, die sich zurückmeldeten, den Nachweis ihrer Zugehörigkeit zu einer nationalsozialistischen Organisation verlangte, wenn diese denn weiter an der Universität studieren wollten.[1]

Sollten wir, die nachgewachsenen Generationen, nicht um solche Zeitumstände wissen? Ehe sich solche Dokumente als historische Belege verwenden lassen, um die politischen Einstellungen von Menschen, die vor uns gelebt haben, beurteilen zu können, müssen sie quellenkritisch untersucht und im Licht ihrer eigenen Zeit gedeutet werden. Nur so können auch wir aus der Geschichte „lernen“ und – hoffentlich – bescheidener werden.

Ich danke der Leiterin und den Mitarbeiterinnen im Archiv der BBF, dass sie mir bei Suche und Auswertung der im BBF vorhandenen Personalblätter preußischer Lehrer sowie weiterer Literatur zur Seite standen. Ohne die Fürsprache der zuerst Genannten hätte sich mir die Tür zum Herausgeber der Herold-Jahrbücher kaum geöffnet. So konnte ich mit meinem Aufsatz: „Die Personalbögen preußischer Lehrer und Lehrerinnen in der NS-Zeit“ die Veröffentlichung von Ursula Basikow aus dem Jahr 2006 ergänzen und gleichzeitig den eigenen Beitrag von Bettina Reimers über die „Fundgrube für die Forschung zu preußischen Lehrerinnen und Lehrern…“ im gleichen Band (Herold-Jahrbuch NF 27, Berlin 2022) an einem Beispiel bestätigen.

Dr. Gisela Kittel

                                                                                                                


[1] Michael Grüttner, Die Studentenschaft in Demokratie und Diktatur, in: Heinz-Elmar Tenorth (Hg.), Geschichte der Universität Unter den Linden, Bd. 2. 1918-1945, Berlin 2002, S. 187-294: S. 271f.

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