150 Jahre Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung sind ein besonderer Anlass, zurückzublicken. Vor allem aber sind sie ein Anlass, danach zu fragen, was wir aus der Geschichte der Bildung für unsere Gegenwart und Zukunft lernen können.
Als ehemaliger stellvertretender Vorsitzender des Adolf-Reichwein-Vereins fühle ich mich der BBF in besonderer Weise verbunden. Dass hier das Archiv Adolf Reichweins bewahrt, erschlossen und für Wissenschaft und Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, hält das Denken und Wirken eines Pädagogen lebendig, dessen Bildungsverständnis heute von bemerkenswerter Aktualität ist.
Adolf Reichwein ging es nicht um Bildung als abstraktes Versprechen. Im Mittelpunkt seiner Pädagogik stand das Lernen durch eigenes Tätigwerden. In seiner Schulpraxis in Tiefensee bedeutete Lernen: beobachten, entdecken, herstellen, gemeinsam arbeiten, Verantwortung übernehmen. Erkenntnis entstand nicht allein durch Belehrung, sondern durch Erfahrung und durch die konkrete Tat.
Darin liegt für mich eine der bleibenden Botschaften seines pädagogischen Wirkens. Bildung muss konkret werden. Sie muss Menschen befähigen, aus Überzeugungen Handlungen entstehen zu lassen – für die Gemeinschaft, für ein lebendiges soziales Miteinander und für eine Gesellschaft, in der jeder Mensch in seiner Würde geachtet wird.
Das gilt heute vielleicht mehr denn je auch für unsere Demokratie. Demokratie, Freiheit und Menschenwürde leben nicht von Absichtserklärungen. Sie leben davon, dass Menschen sie im Alltag verwirklichen. Dass sie Verantwortung übernehmen, sich einmischen, miteinander arbeiten, unterschiedliche Perspektiven respektieren und bereit sind, für das Gemeinsame tätig zu werden.
Reichweins Pädagogik erinnert uns deshalb daran, dass Demokratie selbst gelernt werden muss – und dass dieses Lernen nicht allein im Kopf stattfindet. Demokratie entsteht durch Erfahrung, Beteiligung und gemeinsames Handeln.
Die Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung bewahrt mit ihren Beständen und Archiven dieses historische Gedächtnis der Bildung. Doch gerade darin liegt ihre Bedeutung für die Zukunft: Sie ermöglicht uns, Erfahrungen früherer Generationen neu zu befragen und daraus Orientierung für die Herausforderungen unserer eigenen Zeit zu gewinnen.
Zum 150. Geburtstag gratuliere ich der BBF sehr herzlich und danke allen, die diesen besonderen Ort über Generationen aufgebaut, bewahrt und weiterentwickelt haben.
Ich wünsche der BBF, dass sie auch in Zukunft ein lebendiger Ort bleibt, an dem Geschichte nicht nur bewahrt, sondern für die Gegenwart fruchtbar gemacht wird – im Sinne Adolf Reichweins: durch Erkenntnis, durch Verantwortung und vor allem durch die Tat.
Henning Wehmeyer
Ehemaliger stellvertretender Vorsitzender Adolf-Reichwein-Verein e.V.


